Der Heusel-Rein: Betzinger Eulenspiegel und Dorf-Unikum
Der Heusel-Rein, der eigentlich Reinhold Häußler hieß, wurde 1940 in Grafeneck bei Münsingen von den Nazis im Rahmen ihres "Euthanasie-Programms" vergast, weil ihn diese als "arbeitsscheu" und "geistig behindert" anschauten und im Heusel-Rein eine nicht lebenswerte Existenz im Sinne des Nationalsozialismus sahen. Der Heusel-Rein machte zwar immer einen weiten Bogen um jegliche Arbeit, war aber geistig äußerst rege, im Grunde genommen sogar schlau und gerissen, immer darauf bedacht, anderen und vor allem der ihm verhassten Obrigkeit einen Streich zu spielen. Viele Anekdoten vom und über den Heusel-Rein haben in Betzingen die Runde gemacht, viele seiner Streiche habe ich über meinen Vater erfahren, der den Rein noch selbst gekannt hat.
Reinhold Häußler wurde am 1. 4. 1879 in Betzingen geboren, hatte 12 Geschwister und wohnte sein ganzes Leben lang bei seinen Eltern, die er sehr liebte. Nach einem wie damals üblich recht kurzen Schulbesuch schlug sich der Heusel-Rein mehr schlecht als recht durchs Leben, indem er sich bei anderen Leuten als Tagelöhner verdingte, was aber für die jeweiligen Arbeitgeber nicht immer ein Vorteil war. 
Der Heusel-Rein nahm nämlich Arbeitsanweisungen nach Art seines Vorbildes Till Eulenspiegel grundsätzlich wörtlich. Als er z.B. einige Tage bei einem Gärtner beschäftigt war und Salatsetzlinge pflanzen sollte, setzte er die Gewächse zu dicht aufeinander. Dies wurde vom Gärtnermeister moniert, Rein sollte die Pflanzen so setzen, dass "sie mehr Luft haben", also nicht so eng zusammen. Daraufhin setzte der Heusel-Rein die Setzlinge so in den Boden, dass die Wurzeln nach oben ragten. "Du wolltest doch, dass dein Salat mehr Luft hat. Jetzt hat er sie!" soll er dem entsetzten Gärtner nach getaner Arbeit erklärt haben.

Ein anderer holte den Rein einmal zum Holzspalten und ermahnte ihn, bei der Arbeit nicht herum zu trödeln. Sie sollte möglichst zügig vonstatten gehen. "Schau, dass du schnell fertig bist, Rein." Tatsächlich war der Heusel-Rein mit dieser Arbeit sehr schnell fertig. Er spaltete nämlich nur die kleinen Scheite, die großen, schweren  Holzrugeln schmiss er in die Echaz, wo sie später an einem Wehr hängend von ihrem Besitzer mühsam heraus gefischt werden mussten.

Ein paar weitere Anekdoten vom Heusel-Rein:
Der Betzinger Bürgermeister wollte den Rein in die Arrestzelle im Rathaus einsperren, weil er im Dorf herum gegrölt hatte. Vor der geöffneten Zellentür gab der Rein dem Schultes einen Stoß und der Ortsvorsteher selbst war nun der Gefangene. Heusel-Rein schloss die Zelle sorgfältig ab, nahm auch noch die Tabakspfeife und den Hut des Bürgermeisters an sich und begab sich in dessen Dienstzimmer. Dort rauchte er unter dem Gelächter der Bevölkerung die Pfeife des Bürgermeisters zum Fenster hinaus, die Leute fröhlich mit dem Hut des Ortsvorstehers grüßend. Der Dorfpolizist, der "Polizei-Marte", erwischte den Rein, wie er mit einer Pistole in die Luft schoss. Der Heusel-Rein sollte die Pistole abgeben, behielt aber eine Hand krampfhaft in der Hosentasche. Der Polizist wähnte dort die gesuchte Pistole. "Ich warne dich, lang mir nicht in die Tasche", sagte der Rein mehrfach zum "Polizei-Marte", der sich trotz der Warnung zur Leibesvisitation anschickte und dem Rein eben doch in die Tasche langte. Die gesuchte Pistole war jedoch nicht darin, dafür war die Hosentasche mit grünem Kuhdreck gefüllt und die Hand des Amtsdieners voll mit noch warmen Kuh-Exkrementen.

 
 
Einmal arbeitete der Heusel-Rein für ein paar Tage in einer Betzinger Weberei, in der er Leinentücher weben sollte. Rein verrichtete diese Arbeit allerdings sehr nachlässig und hatte deswegen viele Webfehler, sog. "Nester" in seinen Tüchern. Der Meister teilte ihm daraufhin mit, er solle besser aufpassen und es dürften künftig keine "Nester" mehr im Stoff sein. Der Heusel-Rein produzierte jedoch weiterhin Tücher mit vielen "Nestern", schnitt jedoch alle Webfehler mit einer großen Schere einfach aus dem gewobenen Stoff heraus und hatte somit den vom Meister gewünschten Stoff ohne "Nester", dafür aber total durchlöchert.
Der Heusel-Rein wurde natürlich sofort gefeuert, was ihm vermutlich gar nicht so unrecht war, denn eine feste Arbeitsstelle war ihm sowieso ein Gräuel.
Früher war es in Betzingen üblich, dass alle jungen Männer, die zur Musterung einbestellt wurden, von Haus zu Haus gingen. Dort bekamen die künftigen Soldaten jeweils ein kleines Geldgeschenk. Auch der Heusel-Rein ging, nachdem er die Einladung zur Musterung erhalten hatte, durch das ganze Dorf und sammelte ein erkleckliches Sümmchen ein.
Nachdem der Heusel-Rein in Reutlingen gemustert und für tauglich befunden wurde, ließ er sich mit einer vierspännigen Kutsche von Reutlingen nach Betzingen chauffieren, eine äußerst kostspielige Art der Fortbewegung, die sich damals nur Fabrikanten leisten konnten. Die Betzinger kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. "Woher hast du denn das viele Geld, Rein?" Der Heusel-Rein lächelte verschmitzt:"Ihr habt es mir doch selber gegeben!"

 
 
Der Heusel-Rein sprach mitunter  auch gerne dem Alkohol zu, nur fehlte ihm meistens das Geld dazu. Doch es gab in Betzingen genug Leute, die dem Rein den einen oder anderen Krug Most spendierten, aber es gab auch welche, die Gefallen daran fanden, den Heusel-Rein richtig abzufüllen. Einmal wollten dies der Schnapsbrenner Fritz Müllerschön und dessen Kamerad, der Ruckwieds-Heiner tun. Saukalt war es an jenem Abend als die beiden den Heusel-Rein zum Schnaps einluden und dieser sich das natürlich nicht zweimal sagen ließ. Am Ende des Gelages lag der Rein scheinbar sturzbetrunken auf dem Boden, der Heiner und der Fritz holten einen Schlitten, um den Rein nach Hause zu transportieren. Weil es so kalt war, wollte man den Rein auch nicht vor der Türe liegen lassen, sondern ihn in sein Bett bringen. Es führte eine lange und enge Stiege hinauf, so dass der Fritz den Heusel-Rein ins Genick setzte und der Heiner musste von oben ziehen. Plötzlich schrie der Fritz:"Mensch Heiner, zieh schneller! Der soicht mir ins Gnick!" Der Heiner musste jedoch so lachen, dass ihn die Kräfte verließen und der Fritz bekam den gesamten Blaseninhalt des Heusel-Reins ab. Der konnte im übrigen gar nicht so sehr betrunken gewesen sein, denn am nächsten Tag hat sich der Rein bei den beiden Herren spitzbübisch für deren Fürsorge und für das bequeme Nachhause-Bringen bedankt.  Mein Großvater Daniel Früh besaß "In der Au" unweit der Bahnstrecke Tübingen - Stuttgart, wo der sog. "Staatszug" fuhr eine Wiese, die er gerade mit der Sense mähte, als der Heusel-Rein vorbei kam. Da sich ein Gewitter ankündigte und mein Großvater noch eine zweite Sense mit sich führte, bat er den Heusel-Rein, ihm doch geschwind beim Mähen zu helfen. Doch der Rein blieb hart, wusste aber immerhin noch einen guten Rat: "Pflastere du deine Wiesen, dann brauchst du sie nicht zu mähen!" Außerdem habe er keine Zeit, weil er etwas Wichtiges vor habe, er wolle nämlich den Staatszug entgleisen lassen. 
Wie er denn das anstellen wolle, wollte mein Großvater vom Heusel-Rein wissen. "Ha", meinte der Rein, "wenn der Zug kommt, ziehe ich meine Hose runter und strecke den Leuten mein nacktes Hinterteil entgegen. Dann springen alle, die im Zug sitzen, gleichzeitig  an die Fenster um zu gucken und der Zug entgleist!"

 
 
Als der Heusel-Rein zum Militär musste, sagte er bei seinem Abschied in Betzingen: "Wartet, ich bin bald wieder da!" Rein sollte recht behalten. Nachdem er beim Militär allerhand Unsinn angestellt hatte (mit schwarzer Schuhcreme Uniformen eingeschmiert, mit Kaiser's Rock den Boden aufgewischt und den Strohsack auf die im Kasernenhof spielende Militärkapelle ausgeleert) schrieb er an den Württembergischen König einen Brief. Darin berichtete er dem König, wie arm seine Mutter sei und er einfach heim müsse um für sie sorgen zu können. Der König war offenbar von seinem in tadelloser Handschrift geschriebenen Brief sehr beeindruckt, schickte ihm 20 Goldmark und die Entlassung. Als in der Zeit des Nationalsozialismus der Führer-Kult aufkam, stand der Heusel-Rein eines Tages auf dem Reutlinger Marktplatz, seine geballte Faust drohend in die Höhe reckend und schreiend:"Des ist mei Fiehrer! Des ist mei Fiehrer!" 
Selbstverständlich war sofort die Polizei zur Stelle, eine Verunglimpfung des Führers vermutend. Der Heusel-Rein präsentierte den Beamten jedoch eine 4-Pfennig Münze und hatte somit recht, wenn er behauptete "Des ist mei Vierer" und konnte deswegen nicht festgenommen werden, hatte aber die Lacher wieder einmal mehr auf seiner Seite.

 
 
Einmal stand der Heusel-Rein in der Wilhelmstraße in Reutlingen und hielt ein langes Haar in der Hand, mit einem Finger immer dem Haar entlang auf- und abfahrend. Rasch scherten sich mehrere Passanten um Rein, um dieser merkwürdigen Vorstellung beizuwohnen und es wurden immer mehr. 
 

Auf Fragen, was das Ganze eigentlich soll, gab der Heusel-Rein keine Antwort, sondern zupfte weiterhin an dem Haar und immer mehr Leute blieben stehen, wahrscheinlich in Vorfreude auf einen zu erwartenden Spaß, denn der Heusel-Rein war auch in Reutlingen bekannt wie ein bunter Hund. 
 

Wiederum kam die Polizei, einen Aufruhr vermutend. Nun musste Rein sein Verhalten erklären: "Dass um einen Seggel viele Haare herum sind, habe ich gewusst. Dass aber um ein Haar so viele  Seggel herum sind, das hab ich bis jetzt nicht gewusst!"
 
 
 

Anmerkung: Das schwäbische Wort "Seggel" hat zwei Bedeutungen:
a) männliches Geschlechtsteil
b) allgemein üblicher Ausdruck für einen dämlichen Menschen

Der Betzinger Ortspfarrer Kappus wollte dem Heusel-Rein einmal wegen dessen Lebenswandel eindringlich ins Gewissen reden. "Herr Häußler", so meinte der Geistliche, "wenn Sie so weitermachen wie bisher, landen Sie eines Tages in der untersten Hölle! Und was sagen Sie dann?"

Daraufhin der Heusel-Rein nach kurzem Überlegen: "Grüß Gott Herr Kappus!"

Dies wird dem Pfarrer Kappus wohl zu denken gegeben haben.....

Ortspfarrer Kappus

Als in Deutschland die Weimarer Republik zu Grabe getragen wurde, starb im Jahr darauf auch seine Mutter Christine Häussler. In jungen Jahren soll die Mutter des Heusel-Rein eine auffallend schöne Frau gewesen sein.Obwohl der Rein seine Mutter überaus liebte, blieb er der Beerdigung fern und hielt sich trauernd zu Hause auf. Auch als sein Vater ein paar Jahre zuvor verstarb, fehlte der Rein bei der Beerdigung, was etliche Betzinger verwunderte. Auf die Frage: "Rein, warum bist du deinem Vater nicht zur Leich gegangen?" gab er zur Antwort: "Der goht jo au et zo meiner Leich"
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Das Bild auf der rechten Seite zeigt Christine Häussler in ihren letzten Lebensjahren


Die Mutter Christine Häussler



Seine Mondwenkel send vo me gstutzte Oberlippebart vrdeckt gwea. Wer hätt’ au deekt, dass er so schreie ka?!  Wege dene tiefe Falte über dr Nas hot mr vrmute könne, dass er viel grüblet ond leidet. Andererseits hent aber seine glitzige Mausäugle ond seine Fledermausaohre wisse lao, dass dem nix nauskommt.  (Günther Rilling in "Der Schwäbische Euelnspiegel")
 
 



(Inschrift auf dem Grafenecker Friedhof)
 

 Der Heusel-Rein

(Dieses Foto von Reinhold Häußler und auch das nachfolgende Script von Günther Rilling wurde mir von Walter Ott aus Wannweil überlassen. Vielen herzlichen Dank dafür) 

Reinhold Häußler, der Mensch, der so viele andere zum Lachen bringen konnte, musste in seinen letzten Lebensjahren jedoch noch sehr viel durchleiden. Ab 1937 verliert sich seine Spur in Betzingen und er taucht auch im Adressbuch der Stadt Reutlingen von 1937 nicht mehr auf, während das Vorgänger Adressbuch ihn noch als Reinhold Häußler, Händler wohnhaft in der Jettenburgerstraße 32 auswies.


In diesem Haus hat Heusel-Rein fast sein ganzes Leben zugebracht

Möglicherweise wurde Reinhold Häußler als sogenannter "Arbeitsscheuer"  in ein Arbeitslager der Nazis gesteckt, dort gequält, geschlagen und durch schwerste körperliche Arbeit fertiggemacht. Denn er kam als gebrochener Mann für ganz kurze Zeit wieder nach Betzingen zurück, machte aber keine genauen Angaben, wo er war aber dass es dort sehr schlimm gewesen sei. Belegt ist allerdings, dass der Heusel-Rein im Dezember 1938 in die Heil- und Pflegeanstalt Weißenau eingeliefert wurde und dort blieb bis zum Mai 1940. Am 20.5.1940 wurde Reinhold Häußler in Weißenau mit einem grauen Bus abgeholt und nach Grafeneck gebracht.

Vermutlich wurde er dort noch am gleichen Tag vergast. In der Sterbeurkunde, die man seiner Schwester zukommen ließ, stand als Todesursache "Hirnschlag" drin. In Grafeneck wurden hauptsächlich geistig oder  körperlich behinderte Menschen aus ganz Württemberg von den Nazis vergast........An der Gedenkstätte in Grafeneck liegt ein Buch mit den Namen der über 10.000 ermordeten Menschen aus, darunter findet sich auch der Name Reinhold Häußler aus Betzingen.



















Leider existieren kaum Fotos  vom Heusel-Rein. In seinen jungen Jahren  war er auf jeden Fall ein Trachtenträger, so dass er in etwa so ausgesehen haben dürfte, wie der oben abgebildete von Normann Bögle gezeichnete  "Betzinger" , der  dem Buch Trippel, Trepp und Fürdach entnommen wurde. 
 

Die Geschichten vom und um den Heusel-Rein wurden jahrzehntelang nur mündlich weitergegeben, im Familien- und Bekanntenkreis und an den Stammtischen in der Schwane, im Treyz oder im Braun-Beck. Für die ersten schriftlichen Überlieferungen der Streiche sorgte Erwin Digel, der im "Musikvereinsblättle" in den 1980er Jahren regelmäßig eine Kolummne mit den Streichen des Reins schrieb.

Erwin Digel

1992 erschien von Günter Rilling aus Altensteig ein maschinengeschriebenes Script mit dem Titel "Uf Schwäbisch tut d'Wohret et so waih", welches im Eigenverlag und sicher nur in geringer Auflage erschien. In diesem Script befindet sich auch ein Kapitel über den Heusel-Rein, welches sich "Dr schwäbische Eulespiegel" nennt und die bekanntesten Schwänke vom Rein enthält.

Interessanterweise nennt Rilling seinen Helden jedoch "Glitzer-Ul" - wohl ein deutlicher Hinweis auch auf Eulenspiegel (Glitzer= Spiegel, Ul = Eule). Auch andere im Text auftauchende Charaktere sind verschlüsselt genannt, wohl um keine Rückschlüsse auf ihre richtigen Namen ziehen zu können. So wird der Schwager vom Heusel-Rein, der Hasen-Franz unter der Bezeichnung "Hasen-Max" geführt, der Stadtpfarrer Kappus taucht im Text als "Pfarrer Käppele" auf und Hitler erhält den Namen "Muetes".

Dr schwäbische Eulespiegel lesen

 


 
Auch 70 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod ist der Heusel-Rein in Betzingen nicht vergessen. Der Betzinger Autor Hellmut G. Haasis verfasste 2008 den Roman "Heisel Rein der Gescheite Narr" in dem man die schwäbischen Eulenspiegeleien des Reinhold Häusslers nachlesen kann. Somit wurde der Rein jetzt auch zu einer literarischen Figur.

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